ENTWURF FÜR EIN DENKZEICHEN FÜR GEORG ELSER, BERLIN 2010

Elser

 

Für diesen Entwurf habe ich den 2. Preis in einem offenen, Europa weit ausgeschriebenen, zweistufigen Wettbewerb verliehen bekommen.

 

A. ENTWURFSKONZEPT

 

1. Umbenennung des U-Bahnhofs Mohrenstraße in ‘Georg-Elser-Denkzeichen’
In der Verlängerung der Voßstraße und unter dem nicht mehr vorhandenen Wilhelmplatz liegt der von Alfred Frederik Elias Grenander 1908 fertig gestellte und 1950 von der DDR wieder aufgebaute U-Bahnhof, der seit 1990 den Namen ‘Mohrenstraße’ trägt. Mit der Umbenennung aber des U-Bahnhofs würde der Name Georg Elsers nicht nur am Ort der Gedenkstätte genannt werden, sondern die Erinnerung an den Mann sich auf viel effektivere Weise medial in die Stadtpläne Berlins einschreiben und ihm den dauerhaften Platz im kollektiven Gedächtnis verschaffen, den er verdient. Der Name ‘Mohrenstraße’ für den U-Bahnhof, sowie die Straße selber erzeugt seit fast 10 Jahren Proteste. Im Februar 2005 verabschiedete der Kulturausschuss der BBV-Mitte einen Antrag der auf Umbenennung der Mohrenstraße zielte. Zuletzt im Februar 2009 malten „autonome Häschen“ Ö-Punkte auf die Straßenschilder der Mohrenstraße. Es steht zu vermuten, dass die auffällig häufige Verunstaltung des U-Bahnhofs durch Graffiti auch mit der politisch abgelehnten Benennung zu tun hat. Die Chancen einer Umbenennung des U-Bahnhofs können wegen der Anonymität des Wettbewerbsverfahrens zum gegenwärtigen Zeitpunkt kaum realistischer eingeschätzt werden, als zum Zeitpunkt der ersten Phase. Das heißt, Sie, die Jury müssen sich entscheiden, ob Sie diesen politischen Meinungsbildungs-prozess wollen. Nachdem nahezu alle relevanten Institutionen des Landes und Bezirks in der Jury vertreten sind, bin ich guter Hoffnung, dass die Umsetzung des Projektes dadurch leichter zu ermöglichen ist. Wenn Sie positiv entscheiden, werden sehen, dass ich mich mit vollem Gewicht in das Projekt begeben werde und Partner, Unterstützer und ggfs. Sponsoren suchen werde, die den Prozess unterstützen und begleiten. Dieser öffentliche Anteil an der Genese des Denkzeichens wird ein integraler Bestandteil dessen und wird helfen Georg Elser im kollektiven Gedächtnis viel tiefer als bisher zu verankern. Ohne dass das hier besser erklärt werden kann und darf, bin ich der Überzeugung, dass ich aufgrund meiner bisherigen Tätigkeiten in Berlin auch in der Lage sein werde, diesem Projekt in der Öffentlichkeit das richtige Maß an Glaubwürdigkeit zu verleihen.

2. Der U-Bahnhof als Gedenkstätte
Unweit des ehemaligen Führerbunkers unter der Reichskanzlei befindet sich auf der anderen Seite der Wilhelmstraße der U-Bahnhof Mohrenstraße. Nach der Lektüre von Angela Schönbergers Buch, „Die Neue Reichskanzlei von Albert Speer“, erscheint es plausibel, dass der zum U-Bahnbau verwendete Saalburger Marmor der Sorte ‘Altrot’ aus der Reichskanzlei stammt. Dem widerspricht der Kunsthistoriker Hans-Ernst Mittig in seinem Aufsatz “Marmor der Reichskanzlei”, weil er in dieser Zuschreibung Reste einer nationalsozialistischen Propaganda von “Ewigkeit“ sieht, die einen Reliquienkult ins Werk setzt, der die Symbolkraft der Substanz aktuell hält. Wer hier historisch recht behält, ist für den vorliegenden Entwurf nicht so relevant. Ob die Provenienz des Saalburger Marmors nur zugeschrieben ist, oder nachgewiesen werden kann, ist eine Frage, die im Umgang mit Kunstwerken ähnlich entscheidend ist. Die Wirkungsmacht der Substanz liegt hier, wie in der Kunst vor allem in der Zuschreibung, das heißt im Glauben der Menschen genau daran. Der Verfasser entschied sich in der ersten Runde den Aufsatz von Mittig so prominent zu platzieren, weil ihm in die Haltung, gängige Zuschreibungen zu hinterfragen in einem sinnfälligen Zusammenhang zu Elsers geistiger Freiheit stand und Elsers Fähigkeit, sich nicht durch Nazi-Propaganda blenden zu lassen. In diesem Zusammenhang ist der Vorgang, dem Marmor des U-Bahnhofs „an die Substanz zu gehen“, zu allererst als eine symbolische Geste zu verstehen. Es geht nicht um die Zerstörung der Substanz, sondern darum Bilder aus dem Marmor herauszuholen. Das Kunstwerk arbeitet also mit der Zuschreibung der Substanz der Steintafeln, als „Hitlers Marmor“ und fügt eine weitere symbolische Einschreibung hinzu: „Elser geht/ging Hitler an die Substanz“. So ist das für jeden Besucher des Denkzeichens sofort lesbar.

3. Gesprächspartner - Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin Als verantwortliche Behörde für die Umbenennung eines U-Bahnhofs trägt sie die Hauptlast der Kosten für eine Umbenennung. Der problematische Name ‚Mohrenstraße’ wird in Zukunft aber ohnehin Kosten erzeugen. Die Kosten für die Umbenennung eines U-Bahnhofs liegen bei ca. € 1Million und können nicht durch das Realisierungsbudget für den Wettbewerb abgebildet werden. Wie oben schon erwähnt, befindet sich der Bezirk, das Land Berlin und die BVG ohnehin seit Jahren in einem Problemfeld, das bisher ungelöst ist und auch in Zukunft weitere Aktionen und Initiativen erzeugen wird. Jetzt diese Diskussion zu führen und einen neuen, sinnvollen Vorschlag zu in die Öffentlichkeit zu bringen, wird helfen, die bisherige Impasse aufzulösen. Ungeklärte politische Problemfelder erzeugen auf lange Sicht immer Mehrkosten. - Denkmalschutz Dieser Entwurf stellt einen gravierenden Eingriff in das bisherige Erscheinungsbild des U-Bahnhofs Mohrenstraße dar und muss denkmalrechtlich genehmigt werden. Kulturell gesehen erscheint es das höhere öffentliche Gut, an Georg Elser zu erinnern, als das Marmormaterial, das aus der ehemaligen Reichskanzlei stammen soll, zu schützen. Es müssen Gespräche geführt werden, die einen Konsens über diesen Vorschlag herbeiführen. - Unterstützerverein Sollte der öffentliche Meinungsbildungsprozess länger dauern, wird ein Förderverein gegründet, der die Umbenennung des U-Bahnhofs zum Ziel hat. Dieser Verein kann auch die Funktion haben, die Finanzierung des Projektes zu organisieren. - Ablauf In diesem Fall kann man zweistufig vorgehen. Sollte eine Umbenennung längere Zeit in Anspruch nehmen, kann der U-Bahnhof dennoch schon zum Denkzeichen umgestaltet werden. Im Interim sollen dazu über Schildern, die die Station an den beiden Eingängen benennen, Leuchtschilder angebracht werden, die auf das Georg-Elser-Denkzeichen hinweisen. Das kann später rückgebaut werden, wenn die Umbenennung erfolgt ist. Man kann sich aber schwer vorstellen, dass ein Georg-Elser-Denkzeichen auf einem U-Bahnhof “Mohrenstraße” langfristig erfolgreich sein kann. Der Verfasser wünscht sich deshalb von der Jury ein klares Votum zur Umbenennung.

4. Der Mann und die Tat
Der Marmor soll umgedeutet werden und zum Bildträger werden für das Gedenken an den Mann Georg Elser und seine Tat. In der Mitte der Plattform befindet sich auf der Marmorwand jenseits der Gleise auf der nördlichen Seite ein großes Portrait Georg Elsers. Ihm gegenüber, auf der südlichen Wand befindet sich ein großes Bild seiner Tat – repräsentiert durch eine Fotografie der Zerstörung im Bürgerbräukeller nach der Explosion.

5. Einschreibung und Umdeutung
Die Bilder werden ‘subtraktiv’ erzeugt. Es wird also nichts hinzugefügt werden, um sie erscheinen zu lassen, sondern etwas weggenommen. Mittels Sandstrahltechnik werden die Bilder aus dem Marmor herausgefräst. Dieses Abtragen der Substanz lässt die Bedeutung des Menschen Georg Elser erst erscheinen. Auf einer metaphorischen Ebene wiederholt die Produktion der Bilder die nächtelange Arbeit Georg Elsers, in der er eine der Säulen im Bürgerbräukeller soweit ausgehöhlt hatte, dass er den Sprengstoff darin verstecken konnte.

6. Bildprogramm
Durch das partielle Abtragen wird das für authentisch gehaltene Material des Marmors umgedeutet. Die Bilder geben dem individuellen Widerstand Elsers (s)ein Gesicht. Dabei sollen die gegenüberliegenden Seiten zwei unterschiedlichen Sphären gewidmet sein: Auf der nördlichen, 110 Meter langen Marmorwand werden ausgewählte Fotografien aus dem privaten Umfeld von Georg Elser gezeigt, die ein Bild des Menschen abgeben. Auf der südlichen Wand befinden sich Abbildungen, die die Tat in ihrem politischen und gesellschaftlichen Kontext zeigen. Die Abfolge von gerahmten Marmorsegmenten lässt die gesamte Sequenz an Bildern aussehen wie ein Dokumentarfilmstreifen und gibt dem ganzen Raum schon fast die Dignität eines historischen Dokuments. So wird exemplarisch gezeigt, dass Zivilcourage aus der Bedeutung des Einzelnen und seiner Entscheidungen besteht.

7. Einbinden des Betrachters
Bilder können Sprengstoff sein. Eine Sprengung ist eine expansive Bewegung von einem spezifischen Ort aus. Der Ort Georg Elsers ist der vor der Säule, wo er nächtelang kniete. Dieser Ort wird metaphorisch nachvollzogen als ein Fluchtpunkt auf der Mitte der Plattform zwischen Portrait und Tat. Von dort aus und auf diesen Ort hin werden alle weiteren Bilder, die in die Wände des Bahnhofs eingeschrieben werden, in einer anamorphotischen Projektion ausgerichtet. Dieser konstruierte Ort kann vom Betrachter eingenommen werden und so kann er in einer Art ästhetischem Nachvollzug eine persönliche Beziehung zu Georg Elser aufnehmen. Er stellt sich an den Ort, auf den alle Bilder zu Georg Elser fokussiert sind – ein Ort, der ihm die Frage zumutet: Wie würde ich handeln?

8. Abstraktion und Verständnis
Die anamorphotische Projektion hat zur Folge, dass Bilder, die in größerer Entfernung zum fokalen Standpunkt liegen, eine starke “Dehnung” und Abstrahierung erfahren, so dass sie von Standpunkten die in der Nähe der Ausgänge liegen, kaum noch erkannt werden können. (Sie sind ja auf den Fokuspunkt hin ausgerichtet.) Diese visuelle Abstraktion referiert auf die Notwendigkeit der Aneignung von historischem Wissen und Erinnerung durch den Einzelnen. In der Bewegung vollzieht als der Betrachter nach, was als historische Erinnerungsarbeit immer geleistet werden muss. PS: Bitte sehen Sie nach, dass wegen der komplexen Naturdes Vorschlages aus diesem ersten Teil nun drei Seiten geworden sind.

Elser

Elser

U-Bahnhof

Auge

B. AUFLISTUNG DER MATERIALIEN, TECHNIKEN, ABMESSUNGEN

1. Der Ort
Der U-Bahnhof „Georg-Elser-Denkzeichen“ besteht aus einer 110 Meter langen und ca. 9 Meter breiten Plattform, die leicht bauchig geformt durch insgesamt 27(28) Säulen (eine Säule ist durch das Zugabfertigungshäuschen verdeckt) im mittleren Abstand von 330 cm voneinander strukturiert werden. Jede Säule steht auf einem Grundriss von 64 x 64 cm. Die Plattform selber ist durch quadratische Bodenfelder (120x 120 cm) segmentiert, die durch 10 cm breite Bänder voneinander separiert werden. Insgesamt entsteht dadurch ein Raster von 84 x 2,5 Segmenten pro Fahrtrichtung. Die Säulen, sowie die Wände der U-Bahnstation sind in Saalburger Marmor der Sorte ‚Altrot’ ausgeführt. Beide Wände sind in insgesamt 29 Segmente gegliedert, die durch Bänder helleren Marmormaterials von einander getrennt werden. Die Segmente haben ein (errechnetes) Maß von 245 cm Höhe und 370 cm Breite. Auf jedem vierten Segment befindet sich der Name der U-Bahnstation, also befinden sich pro Fahrtrichtung 6 Felder mit Namensnennung (total 12 Felder) im Bahnhof.

2. Anamorphose
Der Fokuspunkt für die Berechnung befindet sich in der Mitte der Plattform zwischen der 14. und 15. Säule. Durch die bauchige Anlage der Plattform kommt es zum Umstand, dass die Bilder auf der konkaven Seite („Der Mann“) wegen der sich um den Betrachterstandort herum krümmenden Wand weniger verzerrt erscheinen, als auf der konvexen Wand („Die Tat“), die vom Betrachterstandort flieht. Es kommt zu einer teilweisen Verdeckung der Bilder durch das Zugabfertigungshäuschen, was das Konzept nicht unterbricht, den Betrachter aber dazu animiert, einen Schritt nach vorn zu treten, um die Bilder zu sehen. Auf die Erscheinungsweise der Bilder hat das wegen der großen Entfernung wenig Auswirkung. Zur Anamorphose gibt es noch zu erwähnen, dass es sich bei den vorgenommenen Berechnungen nicht um eine fotografische, statische Anamorphose handelt. Vielmehr sind die Bilder parallel verlängert. Das heißt, dass sich die Bildprojektion auf der Wand durch eine Fotografie vom Fokuspunkt aus orthogonal „richtig“ rekonstruieren lässt. Anstatt an eine Kamera richtet sich die Installation im U-Bahnhof „Georg-Elser-Denkmal“ an den Betrachter, der dort entlang läuft. Wie man der Grafik entnehmen kann, sprengt die statische Anamorphose das Wandformat und erzeugt eine Verzerrung auch in die Höhe. Bei einer parallelen Anamorphose ist das Bild zwar nicht mehr monokular „richtig“, entspricht aber eher den Wahrnehmungs- gewohnheiten der Betrachter. Sie können diesen Effekt insbesondere auf der Darstellung der Bildabwicklung der Südwand beobachten.

3. Bildflächen
Insgesamt sind 11 Bildelemente geplant, die die Person und Tat Georg Elsers präsentieren. Die Größen variieren von einer Breite von 2 Metern bis zu 15 Metern bei einer Höhe von bis zu 2,45 Metern. Insgesamt ergibt das rechnerisch eine Gesamtfläche von 197,90 m.

4. Sandstrahlen
Die Umsetzung erfolgt durch eine digitale Bearbeitung des Bildmaterials. Die Dateien werden im Verhältnis 1:1 im Computer anamorphotisch umgerechnet und in Halbtonfolien umgesetzt. Die dabei entstehenden Rasterpunkte erzeugen umgekehrt als beim Offsetdruck die hellen Tonwerte. Der Kontrast im Bild wird visuell durch das Material des Marmors erzeugt. (siehe Detaildarstellung im Maßstab 1:1) Die entstehenden Dateien werden auf fotochemische Weise in Schablonenfolien im Format von bis zu 370 x 140 cm umgesetzt. Aus mehreren Folien entsteht so ein Gesamtbild. Die Folien werden vor Ort passgenau auf die Marmorsteine kaschiert. Dort wo später ein weißer Bildpunkt an der Wand erscheinen wird, ist die Folie perforiert. Mit einem portablen Sandstrahlgerät und Korundschleifmitteln werden kleine Vertiefungen in den Marmor geschliffen. Danach wird das weiße Kontrastmittel eingebracht. Danach werden die Folien wieder gelöst und der Stein graffitifest versiegelt.

5. Material
Verwendet wird voraussichtlich die Sandstrahlfolie der Fa. Harke, Handelsname: APM R3. Laut Sicherheitsdatenblatt gemäß § 1907/2006/EG, Artikel 31 ist das Material nicht kennzeichnungspflichtig und für Mensch und Umwelt unbedenklich. Auch das Strahlmaterial Korund Qualität R der Fa. EW Würth Strahlmittel ist gemäß § 1907/2006/EG, Anhang 2 nicht kennzeichnungspflichtig.

6. Umsetzung
Diese Arbeiten werden von Fachbetrieben ausgeführt, die Erfahrung mit dieser Methode der Bilderzeugung in Stein haben, beziehungsweise den Ort schon gut kennen. In meinen Recherchen habe ich eine Berliner Firma ermittelt, die vor einigen Jahren den U-Bahnhof schon einmal aufgearbeitet hat und die Verhältnisse vor Ort gut kennt. Zur Umsetzung wird ein Holzgerüst (Sicherheitsbestimmungen der BVG) eingesetzt, das zügiges Arbeiten im Gleisbereich ermöglicht und eine Vorrichtung zum Auffangen der Schleifmittel besitzt, damit diese nicht in das Gleisbett gelangen.

7. Lebensdauer, Pflegeaufwand, Wetterbeständigkeit
Prinzipiell ändert sich der bisherige Pflegeaufwand für die turnusmäßige Reinigung der Steinoberflächen nicht. Da die weißen Rasterpunkte unter dem Graffitischutz liegen, sichert die Versiegelung das Kunstwerk gegen Vandalismus. 8. Gewichte Zu sagen, dass per Saldo ein negatives Gewicht bei der Herstellung des Kunstwerks entstehen wird, ist offensichtlich keine symbolische Äußerung. Der Verfasser hofft, dass im Gegenteil sich ganz und gar positive Auswirkungen einstellen werden. In Kilogramm aber kann das nicht gemessen werden.

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© Thomas Eller, 2010